lieder & saitenspiel - tronjes blog

Mittwoch, 31. Dezember 2014

Georg Trakl - ein narre schrieb drei zeichen in sand

ein narre schrieb drei zeichen in sand
eine bleiche magd da vor ihm stand
laut sang - o sang das meer

sie hielt einen becher in der hand
der schimmerte bis auf zum rand
wie blut so rot und schwer

kein wort ward gesprochen – die sonne schwand
da nahm der narre aus ihrer hand
den becher und trank ihn leer

da löschte sein licht in ihrer hand
der wind verwehte drei zeichen im sand -
laut sang - o sang das meer

ein narre schrieb drei zeichen in sand
eine bleiche magd da vor ihm stand
laut sang - o sang das meer

Sonntag, 28. Dezember 2014

Eugénio de Andrade - quase nada - beinahe nichts


o  amor 
é uma ave a tremer
nas mãos de uma criança
serve – se de palavras
por ignorar
que as manhas mais limpas
não têm voz

*

beinahe nichts

die liebe
ist ein zitternder vogel
in den händen eines kindes
sie bedient sich von worten
weil sie nicht weiß
daß die saubersten listen
geräuschlos sind

*

bijna niets

de liefde
is een rillende vogel
in de handen van een kind
ze bedient zich van woorden
omdat ze niet weet
dat de zuiverste listen
geluidloos zijn 

Samstag, 27. Dezember 2014

Alice Nahon - daar deinde een zee van blommen


daar deinde een zee van blommen
van blommen geel en zwart
ze droegen koop'ren kronen
om 't zwart fluwelen hart

’t was nacht – maar door de stilte
zong menige wijs van wee …
gezwolgen uit de deining
dier wondere blommenzee

en 'k luisterde aan mijn venster …
ik kende ze allemaal
die oude melodieën
van de eigen zoete taal

  ( freie übersetzung : tronje )

 da wogte ein meer von blumen
von blumen gelb und schwarz
sie trugen kupferne kronen
um dem schwarz-samtenen herz

es war nacht – aber durch die stille
sang eine menge weisen von weh …
anschwellend aus den wogen
vom wunderbaren blumenmeer

und ich lauschte an meinem fenster …
ich kannte sie allemal
die alten melodien
in der eigenen süßen sprache

Dienstag, 23. Dezember 2014

Joseph von Eichendorff - o wunderbares schweigen



o wunderbares - tiefes schweigen

wie einsam ist's noch auf der welt !
die wälder nur sich leise neigen
als ging' der Herr durchs stille feld

ich fühl mich recht wie neu geschaffen
wo ist die sorge nun und not ?
was mich noch gestern wollt' erschlaffen
Ich schäm' mich dess' im morgenrot

die welt mit ihrem gram und glücke
will ich - ein pilger - frohbereit
betreten nur wie eine brücke
zu dir - Herr - übern strom der zeit

und buhlt mein lied - auf weltgunst lauernd
um schnöden sold der eitelkeit :
zerschlag' mein saitenspiel - und schauernd
schweig ich vor dir in ewigkeit

Sonntag, 21. Dezember 2014

obdachlos - Hagen Kemper 'tronje'


der kalte wind und auch der schnee
der tut dem obdachlosen weh -
und ohne freude - ohne mut :
ein solches leben tut nicht gut

der tag ist lang - die nacht ist kalt
der mantel dünn - und auch schon alt -
und mancher hungert - hat kein brot
ein andrer frieret sich zu tod

der kalte wind und auch der schnee
der tut dem obdachlosen weh -
er ist kein bettler - ist nur arm
und hat kein glück - o Gott erbarm !

vertrunken hat er seinen schmerz
die flasche leer - so wie sein herz -
der staat läßt ihn in seiner not :
so stirbt er schneller seinen tod

zu grabe trägt ihn irgendwer  
ein obdachloser wiegt nicht schwer -
der kalte wind und auch der schnee
tut ihm im grabe garnicht weh ...

Mittwoch, 17. Dezember 2014

Theodor Storm - ein bettelkind


zürnt mir nicht - verehrte frau
daß auch ich euch gratuliere !
armut ist ein schlechter gast
furchtsam tret ich in die türe

draußen stand ich - und ich sah
alle fenster hell erleuchtet

und ich dachte - wie so oft
ihr mir milde gabe reichtet

gönnt nur einen augenblick
mich an eurem glück zu weiden !
schwester weint zu haus nach brot -
ach - wir haben wenig freuden

Freitag, 12. Dezember 2014

aus den wiesen steigen nebel - Hagen Kemper 'tronje'


aus den wiesen steigen nebel
silberweiß und fein wie tüll -
und die wolken zieh'n darüber
windgetragen - fern und still

und es treten scheue tiere
aus dem wald - ins nebelfeld -
scheinen traumhafte gestalten
wie aus einer fernen welt

aus den wiesen steigen nebel
tanzen bis die sonne steht -
und die wolken ziehen weiter
werden von dem wind bewegt

Montag, 8. Dezember 2014

Heinrich Heine - hab ich nicht dieselben träume schon geträumt


hab ich nicht dieselben träume
schon geträumt von diesem glücke ?
waren's nicht dieselben bäume
blumen - küsse - liebesblicke ?

schien der mond nicht durch die blätter

unsrer laube hier am bache ?
hielten nicht die marmorgatter
vor dem eingang stille wache ?

ach ! ich weiß - wie sich verändern
diese allzuholden träume
wie mit kalten schneegewändern
sich umhüllen herz und bäume 

wie wir selber dann erkühlen
und uns fliehen und vergessen
wir - die jetzt so zärtlich fühlen
herz an herz so zärtlich pressen

Donnerstag, 4. Dezember 2014

Hans Watzlik - der landstreicher


das laub ist müd – und zu sankt veit
legt sich das blatt still auf die seit
herr simon und herr juhudä
an dürrer staude hangt der schnee

ich bin der vetter schneiddenwind
ich bin der straße freies kind
mein schicksal ist das ungefähr
und wer in aller welt hat mehr ?

pfahlbürger trägt die schwarte dick
gewölbt im rosigen genick
die äpfel brät er sich am herd
ein kuhwarms weib ist ihm beschert

ich bin der schlechte gast am zaun
darf scheu nur in sein gärtlein schaun
drei äpfel sind dem wandrer frei
der köter hebt den schergenschrei

der bauer neidhals kommt gerannt
den scharfen ochsenzain zur hand
ich sing ihm ein grundbairisch wort
und trolle mich gestillt dann fort

windbräutlich grüßt der spätherbst mich
verweht ist straße – steig und schlich
der sturm nimmt mir den staub vom hut
er nimmt mir nicht den hellen mut

und wird es noch so dämmerlich
und friert mich noch so jämmerlich
und trab hundsmüd ich durch den schnee :
ich bin auf der welt – und drum . juchhe !